SCREEMIK 2

Screening der Erstsprachfähigkeit bei Migrantenkindern
Computergestütztes Verfahren zur Feststellung des
Sprachstandes in der Erstsprache bei Kindern mit
Migrationshintergrund
 (Russisch-Deutsch, Türkisch-Deutsch)

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        Häufig gestellte Fragen und Antworten

   1) Warum werden im SCREEMIK nur die im Deutschen  und in der jeweiligen Erstsprache (Russisch bzw. Türkisch) übereinstimmenden Phoneme überprüft?
Hintergrund dieses Vorgehens ist die bewusste Entscheidung, ein Screening für monolingual Deutsch sprechende Fachpersonen zu entwickeln, die in der Regel über keine Kenntnisse der Erstsprache des Kindes verfügen und somit die Aussprache der für die Erstsprache spezifischen Laute, die im Deutschen keine Entsprechung haben, nicht beurteilen können. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass die im Screening aufgefallenen Kinder in der Regel anschließend von monolingual Deutsch sprechenden Sprachtherapeuten betreut werden. Für die Therapieplanung im Deutschen sind die für die Erstsprache spezifischen Laute nicht relevant.

  
2) Was ist zu tun, wenn die Antwort des Kindes mit dem transkribierten Wort nicht völlig übereinstimmt?
Im Subtest „Aussprache“ können Kinder durch die Aktivierung der Taste „Nachsprechen“ zu einer wiederholten Antwort motiviert werden. In den Aufgaben „Überprüfung der Fälle“ und „Überprüfung der Subjekt-Verb-Kongruenz“ (Subtest „Grammatik“ im SCREEMIK Russisch-Deutsch) sollte man sich in diesem Fall ausschließlich auf die Wortendungen konzentrieren. Die korrekte Kasusmarkierung und Subjekt-Verb-Kongruenz sind im Russischen immer an der Endung erkennbar, die jeweils rot markiert ist.

Beispiele für aufgetretene abweichende Antworten im Subtest „Grammatik“, die als richtig zu werten sind:
a) Aufgabe „Überprüfung der Fälle“
„Wem gibt der Junge den Knochen?“ „Dem Hündchen.“ Statt  „Dem Hund.“: [s
Λb'at∫´ı] statt [sΛb'ak´ı]
Die Verkleinerungspartikel ist kursiv gekennzeichnet. Die Endung (fett und unterstrichen gekennzeichnet) ist gleich geblieben. Dieses Antwortmuster kommt häufig vor.

b) Aufgabe „Überprüfung der Subjekt-Verb-Kongruenz

 „Was machen die Kinder?“ „Singen ein Lied.Statt „Singen.“:
[p
Λj'ut] [p´'esn´ju] statt [pΛj'ut]
Das Wort „Lied“ ist ergänzend dazu gekommen. Die Endung des Verbs (fett und unterstrichen gekennzeichnet) ist gleich geblieben. Dieses Antwortmuster kommt eher selten vor.

c) Aufgabe „Überprüfung der Subjekt-Verb-Kongruenz“
„Was macht der Esel?“ „Liegt.“ Statt „Schläft.“:
[l
´ıƷ'it] statt [sp´it]
Selbst beim Konjugieren eines anderen Verbs ist die Endung (fett und unterstrichen gekennzeichnet) gleich geblieben. Dieses Antwortmuster kommt sehr selten vor.

  
3) Wie geht man bei Kindern vor, die bei der Ausspracheüberprüfung die Begriffe nicht spontan benennen können?
In solchen Fällen empfiehlt es sich, die Ausspracheüberprüfung teilweise oder ganz über das Nachsprechen durchzuführen.

  
4) Aus welchem Grund sind die im Subtest „Aussprache“  überprüften Begriffe zusätzlich über den Bildern geschrieben?
Kinder, die ein Bild spontan nicht benennen, dabei aber lesen können, können dadurch zu Antworten direkt durchs Lesen, d. h. ohne den Umweg des „Nachsprechens“, motiviert werden. Da mit diesem Subtest ausschließlich die Aussprache und nicht etwa zusätzlich der Wortschatz überprüft wird, ist es nicht relevant, ob die Antwort des Kindes spontan oder „mit Hilfestellung“ (Lesen) erfolgt.

    
5) Wie geht man damit um, wenn das Kind bei der „Überprüfung der Subjekt-Verb-Kongruenz“ z. B. auf die  Frage „Was macht der Esel?“ (übersetzt) auf Russisch  mit dem Infinitiv „schlafen“ (übersetzt) antwortet?
In der deutschen Umgangssprache sind bei solchen Fragen Antworten im Infinitiv weit verbreitet. In der russischen Sprache dagegen sind Antworten im Infinitiv auch umgangssprachlich nicht üblich. Das Verb muss ausnahmslos in jedem Kontext flektiert werden. Aus diesem Grund würde eine Antwort im Infinitiv im Russischen in jedem Fall auf eine dysgrammatische Entwicklung des Kindes hinweisen und wäre an einer abweichenden Endung erkennbar.

  
6) Wie verfährt man, wenn man sich beim Drücken einer  Beurteilungstaste vertippt hat?
Sollte sich der Tester beim Drücken einer Beurteilungstaste vertippt haben, kann er bei der Überprüfung der Aussprache die letzte Aufgabe durch manuelle Auswahl der Laute noch einmal wiederholen lassen. In den Bericht fließt dann die zweite Beurteilung ein. Wiederholungen von Aufgaben in den Bereichen Grammatik und Wortschatz sind in einem Test nicht möglich!

  
7) Kann man den Test bei Ermüdungserscheinungen des  Kindes abbrechen? Wie oft ist ein Testabbruch zulässig?
Bei Ermüdungserscheinungen und Konzentrationsmangel besteht die Möglichkeit, den Test an beliebiger Stelle abzubrechen. Bei einem Abbruch in den Subtests „Grammatik“ oder „Wortschatz“ fließen alle bis dahin erfolgten Bewertungen in den Bericht ein. Bei der Überprüfung der Aussprache gilt dies nur für die zu Ende überprüften Laute. Wenn man z. B. beim Laut [∫] im Inlaut den Test abgebrochen hat, wird der gesamte Laut [∫] nicht im Bericht erscheinen (so als ob man das Phonem gar nicht überprüft hätte). D. h. beim nächsten Testdurchlauf sollte man entweder den ganzen Subtest „Aussprache“ noch einmal wiederholen (die einfachste Variante) oder manuell die noch zu überprüfenden Laute auswählen. Für jeden Durchlauf gibt es eine getrennte Berichterstattung.
Der Test kann auch häufiger unterbrochen werden, die Gesamtleistung des Kindes muss dann aus den verschiedenen Berichten zusammengeführt werden. Das Screening ist aber ursprünglich so konzipiert, dass es von den meisten Kindern in einem Durchgang gut bewältigt werden kann.
Zu beachten ist, dass bei jeder abgebrochenen Aufgabe ein Vergleich mit einer Normierungsstichprobe nicht möglich ist. Im Bericht wird in diesem Fall für diese Aufgabe ausschließlich eine qualitative Auswertung der Ergebnisse dargestellt.

  
8) In welchen  Fällen und wie oft ist es zulässig, die Taste „Beurteilung nicht möglich“ zu betätigen?
Die Bewertung „Beurteilung nicht möglich“ sollte möglichst vermieden werden und ist ausschließlich in folgenden Fällen zulässig:
     a) In den Aufgaben „Überprüfung der Fälle“ bzw. „Überprüfung der Subjekt-Verb-Kongruenz“, mit denen der produktive Grammatikgebrauch überprüft wird, antwortet das Kind z. B. auf die auf Russisch gestellte Frage „Was fehlt diesem Haus?“ (übersetzt) auf Deutsch mit „ohne Tür“ und lässt sich nicht zu einer Antwort auf Russisch bewegen. Antworten auf Deutsch lassen sich nicht weiter auswerten und sind mit „Beurteilung nicht möglich“ zu bewerten. 
     b) Es ist ersichtlich, dass das Kind sozial bedingt nicht reagiert. Das Kind verhält sich sehr zurückhaltend und traut sich nicht, mit dem Computer zu kommunizieren.
Zu beachten ist, dass Vergleiche mit einer Normierungsstichprobe nicht möglich sind, wenn häufig mit „Beurteilung nicht möglich“ bewertet wurde. Aus diesem Grund wurden für die einzelnen Aufgaben in den Subtests „Grammatik“
und „Wortschatz“ statistisch automatische Abbruchkriterien ab zweimal „Beurteilung nicht möglich“ festgelegt.
D. h. wenn man in einer Aufgabe zweimal mit „Beurteilung nicht möglich“ bewertet hat, bricht der Computer automatisch die aktuelle Aufgabe ab und geht zu der nächsten Aufgabe über. Im Bericht wird in diesem Fall für diese Aufgabe ausschließlich eine qualitative Auswertung der Ergebnisse dargestellt.
Da für die Beurteilung im Subtest „Aussprache“ rechnerisch-statistisch ein anderes Modell zu Grunde gelegt wurde, in dem keine Vergleichswerte wie Prozentränge oder kritische Werte angewandt werden, wird die Überprüfung von Lauten im Bereich Aussprache durch die Betätigung der Taste „Beurteilung nicht möglich“ nicht unterbrochen.

  
9) Bei welchen Leistungen spricht man von einem  Förderbedarf und was ist dann zu tun?
In dem automatisch erstellten Bericht wird genau festgehalten, ob die jeweiligen kritischen Werte (sog. Cut-offs) für die einzelnen Aufgaben in den Subtests „Grammatik“ und „Wortschatz“ von dem jeweiligen Kind erreicht wurden. Sobald in einer Aufgabe der kritische Wert erreicht wird, ist die Leistung des Kindes in diesem Teilbereich als durchschnittlich zu interpretieren. Wird der kritische Wert verpasst, kann von einem Förderbedarf in diesem Teilbereich ausgegangen werden.
Bei einer unterdurchschnittlichen Leistung in beiden oder auch in einem der Subtests „Grammatik“ oder „Wortschatz“ wird in dem bzw. den auffälligen Bereichen eine Risikodiagnose gestellt. Im Bereich Aussprache ist eine Artikulationstherapie indiziert, sobald ein oder mehrere Laute auffällig sind. Da es sich bei den überprüften Lauten um Phoneme handelt, die ab dem Alter von ca. vier Jahren sprachtherapeutisch angebahnt werden können, sollte hier ggf. die Chance einer sprachtherapeutischen Frühintervention genutzt werden.
Bei auffälligen Leistungen in einem oder in mehreren Subtests („Aussprache“, „Grammatik“, „Wortschatz“) sollte das Kind zusammen mit dem Bericht an einen Sprachtherapeuten oder Logopäden weiter geleitet werden. Falls das Screening bereits von einem Sprachtherapeuten durchgeführt wurde, ist eine sprachtherapeutische Förderung in den auffälligen bzw. unterdurchschnittlichen Teilbereichen angezeigt.    

  
10) Kann man den Test auch bei älteren oder jüngeren Kindern durchführen? Was ist dann zu beachten?
Statistische Vergleichswerte bzw. Normen liegen ausschließlich für die Altersspanne von 4;0 bis 5;11 Jahren vor. Für diese Altersgruppe ist entsprechend ein quantitativer Vergleich mit einer Normierungsstichprobe sowie eine standardisierte Interpretation der Ergebnisse möglich. Bei Bedarf kann der Test aber auch bei älteren oder jüngeren Kindern mit ausreichender Konzentrationsfähigkeit durchgeführt werden.
Bei älteren Kindern sollte berücksichtigt werden, dass die Aufgaben in den Bereichen Grammatik (Russisch-Deutsch) und zum Teil Wortschatz - z. B. „Farbkenntnisse“ - ab dem Alter von ca. acht Jahren zu einfach sind, während der Subtest „Aussprache“ isoliert auch bei Jungendlichen oder Erwachsenen eingesetzt werden kann - mit entsprechendem Hinweis, dass die Bilder eigentlich für Kinder entworfen und gemalt wurden. Zu beachten ist, dass in diesen Fällen im Bericht ausschließlich eine qualitative Auswertung der Ergebnisse dargestellt wird. Bei Testungen von jüngeren Kindern als in der normierten Altersgruppe (Alter unter 3 Jahren, 11 Monaten und 15 Tagen) sollten bei der Interpretation von Auffälligkeiten im Bereich Aussprache die allgemeinen Gesetze des Erwerbs von Lauten berücksichtigt werden.
Sobald man die Personalien des Kindes eingetragen und mit „OK“ bestätigt hat, erscheint folgende Computermeldung: „Das Alter des Kindes liegt oberhalb / unterhalb der normierten Altersgruppe. Aus diesem Grund wird ausschließlich eine qualitative Auswertung der Ergebnisse möglich sein. Möchten Sie den Test trotzdem durchführen?“ Mit dem Bejahen dieser Frage wird es möglich, mit dem Test zu beginnen.

  
11) Wie sollen sich die Eltern des Kindes während des Testdurchlaufs am besten verhalten?
Das Screening ist ursprünglich so konzipiert, dass der Tester nicht zwangsläufig auf die Mitarbeit der Eltern angewiesen ist. Falls die Eltern aber während des Testdurchlaufs neben ihrem Kind sitzen, ist ihr förderliches Verhalten für den korrekten Testablauf von besonderer Bedeutung. Zum einen dürfen die Eltern nicht mehr Informationen, als der Computer vorgibt, an ihr Kind weiter geben, da dadurch die Ergebnisse verfälscht werden können. Zum anderen hat sich als positiv erwiesen, wenn die Eltern ihr Kind zum Mitmachen motivieren und in seinem Bemühen bestärken, indem sie z. B. die Äußerung des Computers noch einmal mit vertrauter Stimme wiederholen etc.. Sollten die Eltern des Kindes bei der Testung anwesend sein, wäre es sinnvoll, diesen die kurzen Hinweise dazu, wie sie sich verhalten sollten, zum Durchlesen vorzulegen. Diese liegen in beiden Erstsprachen Russisch und Türkisch vor und können der Rückseite des Manuals entnommen werden.

  
12) Wo finde ich weitere Informationen zum Thema „Mehrsprachigkeit“?
Die Sprachspezifik von russlanddeutschen Kindern mit Tipps für Logopäden, Sprachheilpädagogen und Pädagogen, die mit solchen Kindern arbeiten, ist ausführlich im folgenden Buch beschrieben:
Jedik, L. (2002): Die russlanddeutsche Migration in der Sprachbehindertenpädagogik. Geschichtlich-theoretischer Hintergrund und praxisrelevante Forschungsergebnisse für das sprachbehindertenpädagogische Handlungsfeld durch konfrontierende Sprachanalyse. Aachen: Shaker Verlag.

Als praktische Hilfe für Anamnesegespräche mit mehrsprachigen Familien wurden die zweisprachig konzipierten Anamnesebögen nun in 10 verschiedenen Sprachen in der 2. Auflage herausgegeben:  
Jedik, L. (20062): Anamnesebogen für zweisprachige Kinder. Mappe A: Deutsch-Russisch, Deutsch-Polnisch, Deutsch-Griechisch, Deutsch-Serbokroatisch, Deutsch-Englisch; Mappe B: Deutsch-Türkisch, Deutsch-Italienisch, Deutsch-Spanisch, Deutsch-Arabisch, Deutsch-Französisch. Würzburg: edition von freisleben.

Das unten genannte Buch vereint mehrere interessante Beiträge zu der Thematik „Mehrsprachigkeit“ aus unterschiedlichsten Blickwinkeln:
Grohnfeldt, M., Triarchi-Herrmann, V., Wagner, L. (Hrsg. ) (2005): Mehrsprachigkeit als sprachheilpädagogische Aufgabenstellung. Würzburg: edition von freisleben.

Detaillierte Informationen zum Themengebiet „Mehrsprachigkeit“ wie Neuerscheinungen, eine ausführliche Literaturliste etc. können der Homepage www.mehrsprachigkeit.net entnommen werden.